"Wir brauchen hier doch keinen Psychologen!"

Liebe Leser, vor allem Geschäftsführer und Personalverantwortliche, heute gibt es mal ein eindringliches Plädoyer für meinen Berufsstand. Denn leider Gottes sind wir im Jahr 2017 immer noch nicht bei Aussagen angelangt wie: „Mein Gehirn läuft grad nicht so rund – ich gehe mal zum Psychologen“.  Oder: „Mein Team ist belastet und der Krankenstand hoch, wir sollten uns mal externe Hilfe holen.“ Was bei uns dagegen fluppt wie am Schnürchen: „Mir tut schon seit Wochen der Rücken weh (gerne stressbedingt) – ich geh mal zum Orthopäden!“. Haben Sie je einen Blick in das überfüllte Wartezimmer einer orthopädischen Praxis hineingeworfen? Das Bild kennen Sie, oder? Und dass der Orthopäde in den seltensten Fällen die Lösung für die stressbedingten Rückenschmerzen ist, wissen Sie wahrscheinlich auch…

Unser aller Verständnis von Gesundheit ist immer noch nicht dieses, dass die Psyche sehr wohl dazu gehört, und einfach genauso erkranken kann wie die Bronchien. Zumindest wird dieses Verständnis immer noch nicht gerne in die Öffentlichkeit getragen, geschweige denn vom Arbeitnehmer an den Arbeitsplatz.

Deswegen möchte ich Ihnen, liebe Entscheider, Mut machen. Mut, sich auch firmenintern an die Psyche-Themen heranzuwagen. Viele Firmen tun das mittlerweile (mit Erfolg!!), aber mindestens genauso viele scheuen es auch. In diesen Firmen möchte man sich als Mitarbeiter immer noch nicht outen, wenn man zum Stressmanagement-Seminar geht und nimmt sich dafür lieber einen Tag Urlaub (der eigentlich zur Erholung da ist). Oder der Vorgesetzte blickt verzweifelt auf den hohen Krankenstand und brütet schon länger über einem Vortrag für die Belegschaft zum Thema Psychische Gesundheit, ist sich aber völlig unsicher, wie das so ankommt und ob überhaupt jemand kommt… Interesse zeigen könnte ja innerhalb der Belegschaft Aussagen nach sich ziehen wie „DU hast das nötig, DAHIN zu gehen?“ Das sind meine Erfahrungen aus der Praxis. Eine offene Kommunikationskultur zum Thema herrscht in diesen Unternehmen nicht wirklich. Ändern Sie das als Verantwortliche! Sie sitzen an einem wichtigen Hebel.

Vielleicht sind Sie diese Tage auch über einen kleinen, aber herausragenden Medienbericht gestolpert: Eine Webdesignerin aus den USA meldet sich bei Ihrem Chef und Ihrem Team per E-Mail ganz offen für 2 Tage krank, weil es ihr psychisch nicht gut geht. Im Fokus (und anschließenden Twitterwirbel) steht hier vor allem die Reaktion ihres Chefs: Er bedankt sich nämlich bei seiner Mitarbeiterin für die Offenheit und bringt außerdem zum Ausdruck, wie hilfreich es auch für die Arbeitsfähigkeit ist, wenn Mitarbeiter nicht einen Teil ihrer Persönlichkeit verstecken müssen:

„Hey Madalyn, 

ich wollte mich nur persönlich bei dir bedanken, dass du E-Mails wie diese verschickst. Jedes Mal, wenn du das tust, erinnere ich mich daran, wie wichtig es ist, Krankheitstage für mentale Gesundheit zu nutzen - ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das nicht in allen Organisationen Standard ist. Du bist ein Vorbild für alle von uns und hilfst uns, das Stigma zu brechen, sodass wir alle unser ganzes Ich zur Arbeit bringen können." (Quelle: globalnews.ca / Übersetzung: Bento.de)

Denn sind wir mal offen und ehrlich, dann zeigen uns die Statistiken zu den Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund von psychischen Belastungen sehr deutlich, dass Mitarbeiter sich ständig aus genau diesen Gründen krank melden – sie sagen es nur nicht so offen wie Madalyn Rose Parker.

Liebe Entscheider, nur Mut also! Ganz pragmatisch sind wir Psychologen erst einmal nichts weiter als Experten für das Erleben und Verhalten des Menschen. Aber alles das bringen Ihre Mitarbeiter natürlich mit an den Arbeitsplatz. Und hier können wir Sie und Ihre Teams unterstützen. Den wichtigsten Schritt können Sie aber selbst gehen: Sorgen Sie für eine offene Kommunikationskultur. Ihre Mitarbeiter werden es Ihnen danken, ganz bestimmt!

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